Sucht man Jens von Wichtingen im Netz via Suchmaschine, wird man nur unzureichend fündig: seine berühmte Falle, in die Ministerin Manto erfolgreich hineintappte und die ihn bis in den Spiegel Online brachte. Sicherlich ein gelungener Coup für den “extrovertierten” Jens. (Ob dies dem Kampf gegen Aids tatsächlich genutzt hat, wage ich zu bezweifeln. Sei’s drum, damals fand ich die Aktion gut, weil ich nicht ahnte, daß dies bewußt von ihm herbeigeführt und m.E. keine echte Spontanaktion war.) Danach kommen nur harmlose Einträge über Hotels und andere Sinnlosigkeiten des täglichen Lebens von ihm, sieht man einmal von seiner Sprachenschule “Capestudies” ab. Kaum irgendwelche Einträge über seine Aktivitäten in dem Hasspredigerblog PI.
Ich habe mich in den vergangenen Tagen gefragt, wer Jens von Wichtingen eigentlich (in Wahrheit) ist, denn einerseits mimt er seit dem 5.11.2007 den reuigen Sünder, der alles Schlechte konsequenzenlos hinter sich läßt, andererseits hat er noch fleissig bis schätzungsweise zum 4.11.2007 meinen Bloghoster mit Drohungen in bester PI-Manier überschüttet, die an Absurditäten nicht mehr zu überbieten waren und sich noch nicht einmal entblödet zu behaupten, meine Screenshots seien eine Urheberrechtsverletzung seiner Fotos.
Jetzt plötzlich ist er ein “guter” Mensch geworden - im verleumderischen PI-Slang also plötzlich zum “Gutmenschen” mutiert. Völlig unabhängig vom realistischen Gehalt dieser Entwicklung finde ich dabei zwei Dinge interessant:
die erstaunlich milde Beurteilung seiner neuen Persönlichkeit durch seine bisherigen Kameraden und
die geradezu begeisterte Aufnahme durch die von PI verunglimpften “Dhimmies” (”Moslemfreunde” oder Konvertiten etc.)
Irgendwie kommt mir seine ganze Entwicklung dubios vor, und ich kann mich gerade wegen dieser beiden obigen Eindrücke nicht des eigenen erwehren, daß seine Wandlung vom Saulus zum Paulus vielleicht ökonomische Gründe haben könnte:
Jens von Wichtingen hat jahrelang aus dem Hintergrund und der seiner Meinung nach sicheren Wohnortes Kapstadt/Südafrika gewirkt.
Nie ist ein böses Wort über ihn in Suchmaschinen erschienen. Jetzt plötzlich reden mehr Leute über ihn und seine vergangenen Machenschaften (auch dieses Prangerblog), der Schaumschläger Schack droht ihm mit Aktionen, die er offensichtlich nicht durchführte - genausowenig wie von Wichtingens angedrohte Aktionen gegen ihn. Alles ein kleiner dümmlicher Kindergarten, aber mit einer kleinen Öffentlichkeit und vergänglichen, aber auffindbaren Informationen über Person und Taten.
So etwas ist für ein Business wie eine Sprachschule nicht gut, es sei denn, sie spezialisisert sich auf rechtsradikale Kunden.
Ich habe mir daraufhin die “Confessions” von Jens von Wichtingen näher angesehen. (Bitte verschonen Sie mich diesmal mit “Urheberrechtsverletzungen” Ihres Textes, Herr von Wichtingen. Es handelt sich hier um legal verwendete Zitate, die Sie ins Netz stellten.)
“Ich habe einen Fehler gemacht”, bekennt er. Nun, jeder macht Fehler.
“Ja ich gebe es zu: ich habe als Autor bei PI Artikel geschrieben, die ich heute nicht mehr schreiben würde. Ich habe viel zu spät bemerkt, dass ich mit meinen Artikeln nicht dazu beitrage, unsere Welt besser zu machen – im Gegenteil.
Ich hätte viel eher merken sollen, dass ich nicht das Richtige tue. Dies tut mir leid.”
Ja, dies erscheint uns strafrechtlich wie moralisch der richtige Weg: Selbsterkenntnis. Reue.
“Die Frage nach dem Warum: ich war enttäuscht von den Massenmedien, die ich sehr wohl als gleichgeschaltet oder zumindest nicht mehr als unabhängig bezeichnen würde. Sensibilisiert durch eine Jugend in der DDR und den Medien dort. (…)”
O pleeeze! Muß das jetzt sein? Die Anderen sind also wieder einmal Schuld. Die soziale Umgebung, die Umstände, die böse DDR.
Der alte Herr von Wichtingen hätte noch vor kurzem einen sich auf solche Argumente berufenden Moslem eiskalt abgeurteilt, nehme ich an.
Es folgen leere Sätze, die man sich hätte sparen können.
Dann plötzlich der Vergleich mit einer Sekte, den er dann doch nicht selbst heranziehen würde. Die Mitgliedschaft bei PI nur, weil er habe “aufrütteln zu müssen.”
Und sehr wichtig: “(…) was die anderen Autoren von PI antreibt. Dies sind keine schlechten Menschen. Aber sie fühlen sich berufen, zu schreiben, aufzurütteln. Aus ihrer Sicht.”
Man könnte sich jetzt sagen, daß dies ehrenvoll sei: Er distanziert sich von der Sache, nicht jedoch von seinen Kameraden.
Mir persönlich treibt dies das Mittagessen hoch. Wie kann man die Sache (Hass) von den Menschen (die ihn bewußt betreiben) trennen?
“Wie mit PI umgehen? Weiss ich nicht, ich bin kein Medienexperte.”
Eben noch PI-Autor und Freizeit-”Journalist”, jetzt plötzlich blutiger Laie.
“Vielleicht könnte man einen Gegenblog zu PI installieren, der dann mit einem positiven, lebensbejahenden, interkulturellen Ansatzpunkt über die existierenden Probleme schreibt. Ich weiss es nicht.” Natürlich nicht, schließlich würde das mindestens soviel Engagement und Arbeit bedeuten wie vorher bei PI. Und womöglich doch noch echten Hass der alten Kameraden hervorrufen.
“Man darf PI aber auch nicht überbewerten. Es ist ein Blog. Weiter nichts.”
Richtig. War doch alles nicht so schlimm. Alles nur harmlose Frotzeleien. Und jetzt sind alle wieder Freunde und trinken ein Bier zusammen.
“(…) Ich verabschiede mich aus der Blogerszene. Es war ein kurzes, intensives Erlebnis. Noch einmal möchte ich mich bei allen entschuldigen, die ich verletzt habe. Es tut mir wirklich und aufrichtig leid.
Jens v. Wichtingen, Kapstadt am 05.11.2007″
Solange man kein eigenes Leid erfahren hat, ist man vermutlich auch nicht unbedingt in der Lage, begangene Schändlichkeiten auch im Nachhinein zu beurteilen. Was, wenn z.B. eine Hasstruppe wie PI sich um Jens und seine Familie so gekümmert hätte wie sie es täglich auf Herres Plattform tun? Wenn sie ihn gegen seinen Willen auf der Straße mit seinem Adoptivsohn fotografiert und ihn sowie seinen Lebenspartner Daniel Stemming beschuldigt hätte, als schwules Pärchen pädophile Ziele zu verfolgen? Richtig, dies wäre schändlich und widerwärtig. Dies ist jedoch genau die Art von PI, und genau dort hat von Wichtingen seine Energie eingesetzt und genauso wie der Rest dieser Truppe Hass und Verleumdung betrieben.
Nein, ich maße mir nicht an, den deutschen Gastarbeiter Jens abzuurteilen, dafür ist er mir auch nicht wirklich wichtig, und ich begrüße es genauso wie diese taktierenden “Dhimmies”, daß er angeblich diesem xenophoben Unsinn abschwören will. Aber irgendwie kommt er mir vor wie ein zum ersten Mal erwischter Ladendieb, der den Kaufhausdetektiv nun davon überzeugen will, ihn nach jahrelangen erfolgreichen Diebstählen laufenzulassen, weil er plötzlich das eigene Risiko erkannt hat.
Für mich hat sich von Wichtingen nicht mit seiner halbherzigen Distanzierung reingewaschen. Möge er in Frieden ziehen. Aber seine Vergangenheit sollte er mitnehmen. Diese ist für einige Zeit im Netz dokumentiert.